reviews in BAD ALCHEMY #86:

Am Freitag, den 19.06.2015, lockt eine ATTENUATION CIRCUIT LABELNACHT in den Club W71 nach Weikersheim. Für mich ein Wiedersehen mit Saschas markantem Goatie. Für uns drei die Gelegenheit, wieder einmal, zusammen mit weiteren Neugierigen im kleinen zweistelligen Bereich, elektronische Musik live zu erleben. Den Sound bringt man im eigenen Wohnzimmer einfach nicht hin. Und die Künstler bei der Arbeit oder beim Smalltalk gibt es als Bonus dazu. Um Zehn macht NIKU SENPUKI den Anfang, der junge Fabian Otto, ein maoriphober Schlacks mit Jesushaartracht. Er bietet unter dem Motto „Roar Shack“ den seltenen Fall eines stehenden Elektronikers, der seine Pedal- und Laptopsounds mit einer Gitarre füttert und anstößt. Pickend und mit Bogenstrichen erzeugt er (wie bei seinem „Küken 2“) röhrendes Gedröhn. Das er heftig aufrauschen lässt und noch intensiviert mit Throatgesang und weiterem Roaring, mit dem er einen, wenn man sich die gellenden Bilder seiner Publikationen hinzu denkt, an die Selektionsrampe eines Hühner- KZs stellt. Die asiatische Ethnoanmutung und den Aufschrei führt er über in meditativ zartes Picking (ähnlich „Spæther“), kniet sich aber auch wieder
hinein in die Schwingungen einer bowed Guitar (wie man das von Stian Westerhus kennt) und in Rückkopplungsnoise, mit einer krautigen und einer technoid pulsierenden Passage in between. Zuletzt gipfelt das in heller, fast poppiger Vokalisation, die in geloopten Wellen verhallt.

EMERGE besticht danach mit dem plastischen Knistern und Prasseln von Feuer. Das er mit glimmenden Zigaretten illustriert, während dazu ein Schwarzweißfilm offen lässt, ob da dunkles Gemäuer im Feuersturm vergeht oder nur Pixelweiß am Pixelschwarz frisst. In der Imagination steigt zwar ein Feuerteufel aus der Cracklebox, um, befreit, tief durchzuatmen.
Ohne weiteres lässt sich diese elementare Anmutung aber auch abstrakt hören, als pointillistische Molekularpercussion, sehr schön räumlich aufgezogen. Der Augsburger triggert im Halbdunkel seine Klangmolekülkollisionen
mit zelebrierender Gestik, schabt mit einer Feile an einem Zweig, streicht an einem Antennendraht, dreht zuletzt die Kurbel einer Spieluhr. Die Gestik erscheint mit kleiner Verzögerung im Raum, als Klangspur in der prasselnden Blasenkammer. Ich finde das, was freilich kein Kunststück ist, so mittendrin wie ich da sitze, noch prickelnder als die oneiristisch-speläologischen oder meso- bis bathypelagialen Suggestionen, die ich sonst von Emerge kenne.

Den dritten Part gestaltet zu vorgerückter Stunde Al Margolis, BA-Lesern bestens bekannt als IF, BWANA. Indem er hochkonzentriert auf den Bildschirm starrt, der sein Gesicht beleuchtet, entlässt er zuerst oszillierende Klänge aus dem Speicher. Dem folgt ein Saxophonquartett, aber tiefer gelegt von Tenor bis Bass. Ausschließlich mit ruhig gezogenen Haltetönen, wobei stille Denk- oder Atempausen den atmenden Duktus noch unterstreichen. Im dritten Satz erklingt eine Frauenstimme mit wiederum ruhiger, gezogener Vokalisation. Die Suggestivität dieser meditativen Offerte unterstützt auf der Leinwand grau umwölktes Geäder (vielleicht auch ein abgestorbener Baum im Nebel) als identische Seitenflügel eines Triptychons, dessen Mittelbild aus einer Farbenflut von Aquarelltropfen besteht. Dass sich Margolis dazu als gelassener, ganz umgänglicher Computermönch erweist, gibt seiner hintersinnigen Klangwelt einen sympathischen Vordergrund. Auch dem Jens, zuvor noch Liveelektrojungfrau, hat es gefallen. Damit bestand auf der Heimfahrt dreistimmige Einigkeit.

Cédric Peyronnet, seit 1985 besser bekannt als TOY BIZARRE, ist einer der hingebungsvollsten Erkunder und Phonographen von Klanglandschaften, genauer, von Klanglandschaftsessenzen. Mit dem Code kdi dctb, der bisher mindestens 216 Fund- und Werkstücke umfasst, hat er seine Fieldrecordings durchnummeriert, die jeweils eine Szenerie auf seinen Streifzügen auf eine Weise einfangen, wie Google Maps das nie können wird. ‚kdi dctb 018‘ ist nun sein Beitrag zu einem Split (ACW 1002, LP) mit EMERGE, dessen ‚msl‘ ebenfalls ganz aus Klangmaterial von Peyronnet besteht. Fundort
war die seit 1955 aufgelassene Wolfram-Mine bei Puy-Les-Vignes im Limousin. Die steinige Lokalität wird von Peyronnet so aufbereitet, dass ihre mythopoetische Aura hörbar wird. Als ein schiefriges Scharren und Rieseln auf einem dröhnenden Fond. Das den Aspekt der Arbeit und der Nützlichkeit, etwa die Verwendung von Wolfram in Stahl, als panzerbrechende Munition oder in Glühlampen, ganz und gar verbirgt. Statt dessen nimmt Peyronnet eine Art mikrotonaler Orchestrierung
vor, die in konkreter Klanglyrik die Wut der Steine und das Fürsich- und Gegenallessein der Minerale hervorkehrt. Die Klangmoleküle schlittern und wispern, sie verstummen und erwachen wieder, als oszillierendes Dröhnen, als pseudosopranistische Vokalisation, als schwellendes Brausen und Brodeln oder das Raunen eines Steintrolls. Unter dem Harsh Noise tun sich dunkle Hohlräume auf, während die Oberfläche derart nesselt, sandstrahlt und stürmt, dass einem die Festigkeit der Dinge trügerisch vorkommt. Die dröhnende Resonanz von EMERGE schürt diesen Generalverdacht. Seine Steinwelt ist bedrohlich virulent, als Steinschlag, als ständiges Bersten, Reißen und Steinbeißen. Als polterndes
Mahlwerk. Oder Gamelan von Trolls. Denn es klingt ebenfalls nicht industrial und vernünftig. Sondern wie in einer nicht geheuren Märchen- und Unterwelt mit dort verborgenen Wesen, die scharren und klopfen, dass einem ganz anders wird.
Eisernes oder schiefriges Geschepper wird von dumpfem Wummern begleitet, Holzbalken poltern. Da wird nicht gebaut, es wird rücksichtslos abgerissen und durchgebrochen. Als hätte sich die minengrabende Gewalt gegen die Erde
verselbständigt. Denn man muss vielleicht die Perspektive nur umdrehen. Menschliches Tun klingt in nichtmenschlichen Ohren wohl meistens wie das Toben von bösen Geistern.

[BA 86 rbd]
www.badalchemy.de

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